Die Würde der Gletscher ist (un)antastbar

Der 1. Januar 2025 hat das Internationale Jahr des Gletscherschutzes eingeläutet. Dass es um unsere Gletscher nicht besonders gut steht, ist kein Geheimnis mehr. Doch wie gehen wir damit um? Der Film REQUIEM IN WEISS geht dieser Frage auf den Grund.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1 Abs. 1 GG).

So ist es in unserem Grundgesetz geschrieben. Doch wie steht es um die Würde unserer Gletscher? Ist es auch diesbezüglich die Verpflichtung der staatlichen Gewalt sie zu achten und zu schützen? Oder besser gesagt: sollte sie es sein?

2025 – das Internationale Jahr des Gletscherschutzes. Perfektes Timing für den neuen Film REQUIEM IN WEISS von Filmemacher und Regisseur Harry Putz. In dieser prägnanten Dokumentation über das rasante Schmelzen unserer Gletscher werden die Interessenkonflikte zwischen Naturschutz und Tourismus beleuchtet. Vor allem aber wird die Frage aufgeworfen: „Wie wollen wir unsere Gletscher verabschieden?“

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Vom regionalen zum globalen Bewusstsein

Die Gletscher der Ostalpen sind unaufhaltsam am Schmelzen und die Wissenschaft ist sich einig, dass dieser Prozess unumkehrbar ist. Es bleibt lediglich eine Frage der Zeit, bis wann auch der letzte Gletscher das Zeitliche segnet. Die einst so dicken Eisflächen schmelzen in erschreckendem Tempo dahin und sind vielerorts nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sei es die Pasterze am Fuße des Großglockners, die, aufgrund der immer kleiner werdenden Gletscherzunge, ihren Titel als „längster Gletscher Österreichs“ nicht mehr halten kann, oder der südliche Schneeferner an der Zugspitze, der seinen Titel als Gletscher schon ganz verloren hat und nun als Toteisfleck weiter dahin schmilzt.

„Unsere Gletscher sterben. Sie verschwinden lautlos“ – Harry Putz

Doch wie kann mit diesem Verlust umgegangen werden, besonders wenn Tourismus und Wirtschaft in vielen Alpenregionen noch immer auf die Gletscher angewiesen sind? Während die Gletscher lautlos verschwinden und der Permafrost immer weiter zurückgeht, boomt der Tourismus unaufhaltsam. Ob Winter oder Sommer – in den Hochsaisonen ähneln die Gletscher-Gebiete eher einem Ameisenhaufen als einer natürlichen Landschaft, die es zu schützen gilt. Dabei ist das Ganze ein Teufelskreis: Je weiter die Gletscher zurückgehen und nach und nach verschwinden, desto dringender wird der Wunsch der Menschen, diese Naturwunder hautnah zu erleben, solange es noch geht.

Wenngleich es für die Gletscher hier bei uns schon zu spät ist, sie können uns eine entscheidende Tatsache sehr imposant vor Augen führen: Das Tempo, in dem sie unwiederbringlich vergehen, verdeutlicht die globalen Prozesse des Klimawandels. Und darf uns motivieren, alles in unserer Macht stehende zu tun, um die fatalen Folgen für uns alle einzudämmen. Genau dieses Bewusstsein will Harry mit seinem Film REQUIEM IN WEISS schärfen und die Zuschauer*innen zum Nachdenken anregen.

Eine Hommage an das würdelose Sterben unserer Gletscher

Seit Mitte März läuft die Premieren-Tour von REQUIEM IN WEISS. Nach drei Stationen in Österreich und Italien wurde der Film am 28. März 2025 auch im Leopold-Kino in München gezeigt. Als Partner des Films konnte POW Germany mit einem Informationsstand vor Ort sein und unser Vorstandsmitglied Ana Zirner moderierte die anschließende Podiumsdiskussion. 

Film ab!

REQUIEM IN WEISS ist eine tiefgreifende, filmische Hommage an das Sterben der Gletscher im Alpenraum. Gedreht an 14 Gletschern in Österreich, Deutschland und der Schweiz, zeigt der Film in knapp 60 Minuten eindrucksvoll die unaufhaltsame Veränderung der Natur. 

Die Komposition des Films ist hervorragend gelungen. Harry versteht es, wissenschaftliche Fakten mit emotionalen Bildern zu ergänzen und so die Zuschauer*innen nicht nur zu informieren, sondern auch emotional zu berühren. Durch die perfekt abgestimmte musikalische Untermalung wird der Verlust unserer Gletscher spürbar. In Gesprächen mit Expert*innen, Tourismusvertreter*innen und Aktivist*innen wird der Klimawandel aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

„Unsere Gletscher sind in Agonie. Sie sind also nicht mehr in der Lage, unser heutiges Klima zu überleben.“ – Georg Kaser (Klimatologe & Glaziologe)

Von der Perspektive der Wissenschaft und des Naturschutzes in der ersten Hälfte des Films geht Harry im zweiten Teil hauptsächlich auf die Perspektive der Tourismusbranche ein. Der Kontrast könnte nicht größer sein.

Eine Schlüsselszene ist das Gletscherbegräbnis der Pasterze am Großglockner, initiiert von POW Austria, das sich als roter Faden durch den Film zieht. Ein Sarg aus Eis steht symbolisch für die verheerende Situation unserer Gletscher, der mit einer Trauerzeremonie zu Grabe getragen wird. So absurd diese Szene auch scheinen mag, so zentral bleibt sie im Gedächtnis.

Im anschließenden Interview mit Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein werden die Auswirkungen der Gletscherschmelze auf den Bergsport thematisiert. Sie sorgt für immer mehr Gefahren, wie instabile Infrastruktur, Steinschläge, Murgänge am Berg und eine Verschärfung der Wasserknappheit auf den Hütten. 

Die wohl eindrucksvollste Szene ist Harrys kurzer Stopp am Rhônegletscher. Vom Parkplatz bis hin zu den Fetzen der Abdeckungsplanen, die auf den Überresten des Gletschers hängen, sind es nur fünf bis zehn Gehminuten. Fünf bis zehn Gehminuten zwischen zwei Realitäten. Die laute, stressige, überfüllte Straße auf der einen Seite und der leidende, stetig und lautlos verschwindende Rhônegletscher auf der anderen Seite, der nur ein Schlachtfeld aus unvergänglichen Planen als Fremdkörper in der Landschaft hinterlässt. Dazwischen Tourist*innen, die scheinbar blind für diesen krassen Kontrast zu sein scheinen.

Mit dieser Szene kommt noch ein weiteres Thema zum Tragen. Und zwar: Die Auswirkungen der Fleece-Abdeckungen auf den Eismassen der Gletscher als vermeintlicher Schutz, wie es Jakob (“Jack”) Falkner, Seilbahnbetreiber in der Skiregion Sölden, zu behaupten pflegt. Die Fleece-Fasern der Abdeckungen heften sich vermehrt an das Eis der Gletscher und bleiben dort auch nach Abnahme der Abdeckung heften, sodass das Eis eine Art Pelz bekommt. Dieses Mikroplastik gelangt, sobald das Eis schmilzt, auch in den Wasserkreislauf und beeinträchtigt dort alle Lebensformen.

Zum Ende des Films wird der größte Konfliktpunkt zwischen den Seilbahnbetreiber*innen und den Naturschützer*innen thematisiert: Der Ausbau von Skigebieten auf den Gletschern. Laut dem Geschäftsführer von POW Austria kompletter Irrsinn, da die Alpen eines der besterschlossensten Gebiete für den Skisport sind. Der vermeintlich langfristige wirtschaftliche Erfolg, der als Resultat solcher Erweiterungen in den Köpfen der Seilbahnbetreiber*innen verankert scheint, steigt diesen dann wohl zu Kopf. Solange das so bleibt, solange Profit und Wachstum über den Schutz unserer Lebensräume gestellt werden – und solange wir mit unserem Konsumverhalten nicht gegensteuern, wird sich daran schwerlich etwas ändern. 

Jede*r Einzelne kann einen Beitrag leisten

Im Podiumsgespräch im Anschluss an den Film sprach Filmemacher Harry Putz über die schwierige Balance zwischen Aktivismus und Filmkunst und gab zu, dass er bei der Auswahl der Themen bewusst ein Stück zurückhaltender war, als er es als Aktivist vielleicht gewollt hätte. Dennoch bleibt die Botschaft des Films klar: Der Gletscherschwund ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch eine kulturelle Tragödie, die wir nicht ignorieren können.

REQUIEM IN WEISS ist nicht nur ein Film, sondern ein Aufruf, sich mit dem Klimawandel und dem Gletscherschwund auseinanderzusetzen. Der Film fordert uns heraus, über den Wert der Natur und über die Verantwortung nachzudenken, die jede*r Einzelne von uns trägt. Man erkennt, in jeder der knapp 60 Minuten, das Herzblut, das in diesen Film geflossen ist. Es ist ein berührender und dabei auch wissenschaftlich fundierter, wertvoller Film, den es sich lohnt, anzusehen.

Wenn ihr Interesse an einem öffentlichen Screening von REQUIEM IN WEISS habt, meldet euch gerne bei der Filmproduktionsfirma von Harry Putz.

Für noch mehr Einblicke in die Auswirkungen des Klimawandels auf Gletscher könnt ihr auch den Film Downstream von POW Europe ansehen:

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Ihr seht die Würde unserer Gletscher auch als unantastbar und habt Lust bekommen, aktiv zu werden? Dann werdet Teil der POW Community!

Quelle: Requiem in Weiss – Dokumentarfilm von Harry Putz (2025)

Titelbild: @Sören Forstreuter
Bild 1: @Harry Putz
Bild 2 & 6: @Sören Forstreuter
Bild 3: @Luca Jaenichen
Bild 4: @Christine Levy
Bild 5: @Studart Knowles

Lea Kaupp

Ob am Fels, auf der Schotterpiste mit ihrem Drahtesel oder auf den Skiern - wenn Lea draußen ist, ist sie glücklich (solange der Snack-Vorrat reicht). Dieses Gefühl will sie an möglichst viele Menschen weitergeben und das Bewusstsein für den Schutz unseres Planeten schärfen. Bei POW hat sie ihren Platz in einer tollen Community gefunden, um genau das zu tun.