Politische Bikepacking-Tour: Mit der Zustieg-Kampagne von Freiburg nach München

Die erste politische Bikepacking-Tour Europas: Von Freiburg nach München, von Rathaus zu Rathaus, für klimafreundliche Mobilität.

Die Käsespätzle sind noch warm, als das Handy klingelt. Wir sitzen in einem Biergarten im grünen Münchner Umland, die Beine schwer, die Räder an den Zaun gelehnt, und gönnen uns die verdiente Stärkung nach drei Tagen im Sattel. Nur noch 22 Kilometer bis zum Marienplatz. Wir haben extra Puffer eingeplant, es kann nichts mehr schiefgehen.

Dann die Nachricht: Der Termin mit Münchens 2. Bürgermeisterin Mona Fuchs wurde um eine Stunde vorverlegt.

Am Tisch wird es still. Alle Blicke gehen zur Uhr. Schaffen wir das noch? Wir gehen die Optionen durch, aber eigentlich gibt es nur eine. Nach drei Tagen, drei politischen Gesprächen und über 180 km sagen wir das letzte Treffen nicht ab. Also lassen wir das Essen stehen, schnallen die Radtaschen fest und fahren los.

Wir fahren als geschlossene Karawane über die Münchner Radwege, so schnell es geht. Till und Julius, unsere Kameramänner, haben weder Rennrad noch Gravelbike und hängen sich in den Windschatten, um mitzukommen. An jeder Ampel derselbe Blick auf die Uhr, dieselbe Frage: Schaffen wir das?

Wir schaffen es. Verschwitzt und mit zehn Minuten Reserve rollen wir auf den Marienplatz, klatschen uns ab und gehen ins Rathaus, um Mona Fuchs unser Positionspapier zu übergeben und mit ihr über nachhaltige Mobilität zu sprechen.

So endete die erste politische Bikepacking-Tour Europas (jedenfalls nach unserem Wissen). Aber beginnen wir am Anfang.

Auf einen Blick…

3 Tage · 4 Rathäuser · 9 Aktive · ca. 210 km auf dem Rad · ca. 1.930 Höhenmeter · ca. 227 km mit Bahn und Fähre

Vom 16. bis 18. September 2026 waren wir im Rahmen der Zustieg-Kampagne von Freiburg nach München unterwegs: neun Volunteers und Angestellte, per Bikepacking und mit dem Zug. Unterwegs machten wir in Rathäusern Halt, übergaben unser Positionspapier und sprachen mit Politiker*innen über klimafreundliche Mobilität. Der Grund: Rund 70 % der CO₂-Emissionen im Alpentourismus entstehen bei der An- und Abreise. Dort liegt der größte Hebel für den Klimaschutz in den Bergen, und viele Stellschrauben liegen direkt in den Kommunen. Im Positionspapier fordert POW von Kommunen, Ländern und Bund unter anderem eine lückenlose ÖPNV-Anbindung vom Bahnhof bis zum Startpunkt der Tour, den Erhalt des Deutschlandtickets, mehr Nachtzüge sowie mehr Platz für Ski, Räder und Co. in der Bahn.

Tag 1: Freiburg – Singen

Rad: ca. 64 km, 711 hm · Öffis: ca. 64 km

Unser erster Tag begann so, wie ein guter Radtag beginnen sollte: mit Croissants und Brezeln im Maloja Store in Freiburg. Gestärkt ging es weiter ins Rathaus Freiburg, wo uns im Konferenzraum Schönberg Dr. Franziska Schreiber, kommissarische Leiterin der Stabsstelle Mobilität empfing.

Wir erzählten ihr, warum uns als Outdoorsportler*innen das Thema Mobilität so am Herzen liegt: Weil bei der Anfahrt die meisten Emissionen entstehen und dort eben der größte Hebel liegt. Freiburg versteht sich als Outdoorsportstadt, und deshalb sollte auch die Outdoor-Community bei zukünftigen Mobilitätskonzepten als wichtiger Stakeholder mit am Tisch sitzen. Frau Schreiber stimmte uns zu und sah gerade in der regionalen Kooperation und in Freiburgs Rolle als Ziel- und Quellort wichtige Bausteine für den kommenden Klimamobilitätsplan. Auf unsere Frage, warum sich bei der regionalen Zusammenarbeit bisher so wenig getan hat, antwortete sie offen: Die Ressourcen sind knapp, weil Gelder vom Bund ausbleiben. Hoffnung setzt sie in den Klimadialog, der in der Woche darauf in Freiburg stattfand (zudem wir spontan eingeladen wurden!) und bei dem es vor allem darum gehen sollte, kleine, machbare Lösungen zu finden. Und dass in der Stadt auch schon einiges läuft, zeigen die Fahrradmitnahme in der Straßenbahn und die Radschnellstraßen, die auch ins Umland ausgebaut werden. Zum Abschluss übergaben wir unser Positionspapier.

Zurück im Maloja Store sprachen wir noch über Radmobilität in Freiburg, und dabei kam auch unsere Forderung nach Fahrradträgern an Bussen wieder auf den Tisch. Dann hieß es aufsatteln, und zwar bei Dauerregen. Auf dem Weg durch Tannenwälder und vorbei an Kühen im satten Grün ging es erst bergauf und später wieder bergab, und es regnete Kilometer für Kilometer weiter. Ein kurzes Stück ließen wir uns zehn Minuten vom Zug tragen, bevor wir wieder aufs Rad stiegen. Bei einem Fahrradladen in Donauesching machten wir Halt, weil sich an einem Rad die Schaltung verstellt hatte. Für die letzte Etappe des Tages saßen wir dann noch einmal im Zug nach Singen, wo der Tag mit Pizza und einer Nacht im Hostel ausklang.

Tag 2: Singen – Lindenberg im Allgäu

Rad: ca. 71 km, 743 hm · Öffis: ca. 43 km (Zug und Fähre)

Am zweiten Tag zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite. Von Singen ging es mit dem Zug nach Konstanz und dort auf die Fähre, die uns in zwanzig Minuten über den glitzernden Bodensee brachte, gemeinsam mit ganz vielen anderen Radfahrer*innen. Auf der anderen Seite ging das Bild weiter: Weinreben, Blick auf den See und gefühlt alle mit dem Rad unterwegs.

Unser erster Termin des Tages führte uns ins Rathaus von Friedrichshafen zu Thomas Goldschmidt, dem Amtsleiter für Stadtmarketing und Tourismus, und Raphael Holzmann, Projektmanager der Echt-Bodensee-Card. Stolz erzählte Herr Goldschmidt von dieser Gästekarte, die Urlaubsgästen und Pendler*innen kostenlosen ÖPNV über die Region hinaus ermöglicht und sehr gut angenommen wird. Auch die Verbindungen in die Schweiz und nach Österreich funktionieren nach seiner Einschätzung hervorragend, nur zwischen Baden-Württemberg und Bayern hakt es noch. Er sprach aber auch offen über die Schwachstellen: Die „letzte Meile“ ist für Bergsportler*innen ein blinder Fleck, denn gerade die Fahrradmitnahme in Bussen ist oft problematisch, und bei den Zubringern ist man stark von der Deutschen Bahn abhängig. Wir übergaben unser Positionspapier und sprachen mit ihm auch über Kombitickets, die die gesamte Reisekette bis zum Bergbahnticket abdecken.

Danach ging es rund eine Stunde flach weiter, und beinahe wäre es knapp geworden, denn an einer Bahnschranke mussten wir warten, während der nächste Termin näher rückte. Wir schafften es aber rechtzeitig auf die Insel Lindau, wo wir bei Sonnenschein vor dem wunderschön verzierten Rathaus Lindau erwartet wurden, und zwar an einem Pop-up-Stand zur Begrünung von Parkplätzen im Rahmen der EU-Mobility-Week. Dort trafen wir Jaime Valdés Valverde, den Mobilitätsmanager der Stadt und leidenschaftlichen Radfahrer. Schnell war klar: Hier ist jemand genau am richtigen Ort.

Sein Ziel ist eine verkehrsfreie Insel Lindau. Um dorthin zu kommen, setzt er auf viel Bürgerdialog und darauf, die Menschen Schritt für Schritt heranzuführen, statt auf den „großen Knall“. Die größte Herausforderung sei, alle bei der Verkehrsberuhigung mitzunehmen. Gleichzeitig wünscht er sich Maßnahmen, die über Legislaturperioden hinweg Bestand haben, denn Mobilität muss langfristig gedacht werden und nicht für den kurzfristigen politischen Erfolg. Überhaupt drehte sich unser Gespräch viel um Leidenschaft und darum, wie man Menschen für Veränderung gewinnt. Auch die Bodenseeregion kam zur Sprache, die mit ihrem starken Radtourismus und ihrer Rolle als Tor zu den Alpen die Fahrradmitnahme in Zügen und Bussen zum wichtigen Thema macht. Sorgen bereitet ihm die Finanzierung, denn auf allen Ebenen werden Gelder gestrichen und viele Projekte drohen abgebrochen zu werden.

Mit einem Eis im Bauch machten wir uns auf die letzten 20 Kilometer, die uns durch den Wald noch einmal steil nach oben führten. Dort wartete Jürgen, POW-Mitglied und Volunteer, mit seiner Familie auf uns und empfing uns unglaublich herzlich. Geschlafen haben wir im Wohnzimmer, im Kinderzimmer und verteilt im ganzen Haus.

Tag 3: Lindenberg – München

Rad: ca. 75 km, 475 hm · Öffis: ca. 120 km

Der letzte Tag startete mit einem liebevoll zubereiteten Frühstück in Lindenberg. Danach rollten wir 13 Kilometer zum Bahnhof in Hergatz und stiegen in den Zug nach Geltendorf. Dort wurden die Gespräche der letzten Tage plötzlich ganz konkret: In Baden-Württemberg braucht man kein Fahrradticket, in Bayern schon. Genau den Tarif-Flickenteppich, den man uns in Friedrichshafen beschrieben hatte, erlebten wir nun am eigenen Leib. Ab Geltendorf ging es wieder auf dem Rad weiter, bis zum Biergarten, den Käsespätzle und dem Anruf. Den Rest kennt ihr ja schon.

Im Münchner Rathaus wartete Mona Fuchs, 2. Bürgermeisterin der Stadt, auf uns, und am Handgelenk trug sie ein Fahrradtattoo. Wegen des vorgezogenen Termins wurde es ein kurzes Gespräch, aber ein gehaltvolles. Sie lud POW von sich aus in das Netzwerk für Mobile Zukunft (München & Region) ein, weil dort bisher die Stimme der Klimaorganisationen fehlt. Als größte Hürden beim Thema Mobilität nannte sie die Finanzierung, die langfristige Ausrichtung solcher Projekte und die Aufgabe, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen: Kommunen, Land, Bund und Deutsche Bahn tragen schließlich alle ihren Teil der Verantwortung.

Was von der Tour bleibt

So unterschiedlich die vier Städte sind, drei Themen zogen sich durch alle Gespräche: Überall fehlt Geld und die Sorge ist groß, dass gute Projekte gestoppt werden. Mobilitätswende braucht Planung über Wahlperioden hinweg, und sie gelingt nur, wenn Kommunen, Länder, Bund und Bahn an einem Tisch sitzen. Die Fahrradticket-Frage zwischen Baden-Württemberg und Bayern hat uns gezeigt, wie schnell es sonst holpert. Gleichzeitig haben wir viel Ermutigendes erlebt: die Fahrradmitnahme in der Freiburger Straßenbahn, die Echt-Bodensee-Card, die Vision einer autofreien Lindauer Insel und die Offenheit in München.

Hanna Link, Team Fundraising, hat uns zum Schluss verraten, was ihr von der Tour bleibt. Vom Bikepacking war sie positiv überrascht: „Ich war überrascht, wie gut es geklappt hat, als Gruppe zusammen zu fahren, obwohl wir so einen engen Zeitplan hatten. Es macht so viel aus, wenn alle motiviert und mit guter Laune dabei sind.“ Und auch vom Konzept der politischen Bikepacking-Tour ist sie überzeugt, gerade wegen dem, was zwischen den Terminen passiert: „Nicht nur die Politikgespräche, sondern auch die Menschen, die man unterwegs trifft. Weil wir uns in den Raum begeben, über den wir sprechen, lernen wir viel mehr über ihn und können es besser an die Politik weitergeben, weil wir es hautnah erfahren haben.“

Danke!

Ein großes Dankeschön an unsere Unterstützer der Bikepacking Tour Deuter, Maloja, Alpina, Patagonia München und Café du Cycliste, an Jürgen und seine Familie für das Nachtquartier, an Till und Julius hinter der Kamera und an alle, die uns unterwegs empfangen haben.

Jetzt seid ihr dran: Unterstützt jetzt noch bis Ende Oktober mit eurer Unterschrift unsere Zustieg-Kampagne!

Alle Bilder: © Julius Berg

POW Germany

Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.