Warum einfach, wenn’s auch schwer geht – und was das Ganze mit Nachhaltigkeit zu tun hat: Ein Plädoyer fürs Bikepacking.

Mit Kleinkind und Fahrrad 500 km über die Alpen von München bis zum Gardasee radeln ist vielleicht nicht der leichteste Weg, um an den italienischen Kletterfelsen zu kommen. Aber es ist der beste Weg, um sich endlich mal wieder die Frage zu stellen: Wie leben wir in unserer Gesellschaft, und wollen wir das wirklich so?

“Warum machst du es dir immer so unnötig schwer? Hast du nicht schon genug Stress? Genug Zeitdruck? Warum auch noch in der Freizeit Leistung bringen, anstatt Zuhause zu entspannen?”, frage ich mich selbst. 

Mein Plan: 500km über die Alpen mit dem Fahrrad, von München bis zum Gardasee – im Schlepptau meine 16 Monate alte Tochter Nea im Kinderanhänger. Schwitzen, husten, weinen und den Regen verfluchen. Früh aufstehen, spät ins Bett gehen und übermüdet am Ziel in Arco (IT), am Gardasee, ankommen. “Ist das wirklich die ersehnte Pause aus dem hektischen Alltag?”

Es wäre definitiv entspannter gewesen, in den nächsten Billigflieger nach Mailand zu steigen, von dort gemütlich mit dem Mietwagen nach Arco (Italien) zu fahren und meine Zeit mit Lemonsoda-Schlürfen zu verbringen. Doch gemeinsam mit Ana Zirner, meine Reisegefährtin und Komplizin in “Völlig-übertriebene-aber-schon-ziemlich-krasse-Touren-abziehen”, und ihrer 2-Jährigen Tochter Ada, entschied ich mich aber trotzdem anders. Aus guten Gründen.

Alles begann vor fünf Jahren: Damals (wie heute) hatte ich noch ein recht einfaches Fahrrad und (anders als heutzutage) keine Bikepacking-Erfahrung. Das war mir aber in dem Moment ziemlich egal, als ich mehr oder weniger spontan von Berlin ans Nordkapp fuhr. Das war meine erste Konfrontation mit Nachhaltigkeit und der Erkenntnis, dass einen das eigene Rad liebevoll in den nachhaltigen Umgang mit sich selbst aufzwingt. Wenn du als Antrieb nur den eigenen Körper hast, stellst du schnell fest, wie du fürsorglich mit ihm umgehen musst. Pausen sind keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Und das musste ich auch an Tag 3 meiner Fahrt nach Arco wieder lernen: nach zwei Tagen im Regen ging es nicht mehr: Fieber. Pausenzwang.

Die zusätzliche Nacht in Patsch (Österreich) brachte nicht nur das Fieber wieder unter Kontrolle, sondern war meine Erinnerung, dass man auch mal anhalten darf. Dass man mal den Modus ändern darf. Weil weitermachen nicht immer beharrlich ist, sondern manchmal einfach nur stur (und etwas dumm). Und ohne Ana wäre die ganze Tour direkt an Tag 3 vorbei gewesen. Heroisch schmiss sie sich für uns ins Zeug und schleppte beide Kids im Trailer den Berg zu unserem nächsten Etappen-Stopp hinauf. Als wir dort ankamen, ging für mich ganze 24 Stunden gar nichts mehr. Das lernt man auf unbequemen Reisen auch ganz schnell: Dass man auch nach Hilfe fragen, und diese annehmen darf.

Warum macht man es sich also unnötig schwer? Weil man den folgenden Kalenderspruch am besten lernt, wenn man ihn am ganzen Körper erfährt: Der Weg ist das Ziel. 

 

Ja, Radfahren bedeutet, echte Distanzen zu erleben – sie sind spürbar mit Leib und Seele. Du merkst genau, was es kostet, eine lange Strecke zu überwinden. Und mit dem Rad passiert das alles in der perfekten Geschwindigkeit. Du kannst an einem Tag viel Strecke zurücklegen, und nimmst zugleich jeden Meter wahr. Du kannst beobachten, wie sich Landschaft, Menschen und Kultur verändern. Im Zug hätte ich nie bemerkt, wie die Menschen direkt hinter der österreichisch-italienischen Grenze ganz selbstverständlich Kinderbesteck mit an unseren Tisch brachten. Hätte ich im Zug zur falschen Zeit meine Schnürsenkel gebunden, wäre mir der Reschenpass einfach entgangen. Im Flugzeug hätte ich vielleicht von oben noch den Ortler entdeckt, aber ich hätte nie die Tränen in Anas Augen gesehen, als sie mir von ihrer Liebe zu diesem Berg erzählte.

Warum also schwer, wenn es auch einfach geht?

Ich mache es mir schwer, weil ich gern lerne. Am besten aus Fehlern und dummen Ideen, die unerwartet doch irgendwie ganz großartig werden. Weil ich eines Tages allein ans Nordkapp gefahren bin und nun immer weiter will. Weil in Bewegung sein bedeutet, im eigenen Körper anzukommen, um genau zu spüren, wie es dir geht und wer du bist. Schwere Wege zu gehen oder zu radeln erlaubt mir zu sehen, dass ich immer noch ich bin, auch wenn ich nun auch die Mama meiner Tochter bin. Natürlich ging mir vor meiner Reise einiges durch meinen Kopf – Vorurteile, Warnungen, Befürchtungen. Es ist nicht leicht, in unserer Gesellschaft zu sein, selbst wenn man sich an die Regeln hält. Da kann man sich dann auch gleich lebensbejahend für den vermeintlich schweren, abenteuerlichen Weg entscheiden, der dafür besser zu einem selbst passt.

Eines habe ich auf meiner Reise auf jeden Fall wieder gelernt: Die körperliche Anstrengung und das Abenteuer, welches das Bikepacking mit sich bringt, bedeuten Freiheit für mich. 

Und so wurde aus dieser Reise auch ein Protest.

Fahrradfahren ist ein fast perfektes demokratisches Fortbewegungsmittel – immer noch finanziell zugänglich für fast alle, unabhängig von Klasse, Einkommen, Geschlecht oder Hintergrund. Es braucht kein super teures Rennrad oder E-Bike und auch keine aerodynamische Bikepacking-Ausrüstung um voranzukommen. Egal, auf welchem Gefährt man sich vorwärts bewegt: Man ist Teil der gleichen Gemeinschaft. Bikers be biking (und nervige Reifenwechsel schweißen uns alle zusammen). Wir brauchen einander, wenn mal wieder die Kette abgesprungen ist, und wir nicht weiter wissen. Wenn das Wasser leer ist, und wir durstig sind. Wir brauchen einander, um Voranzukommen. Dafür müssen wir einander vertrauen. Und das lernen wir am besten auf der Reise, auf dem Rad.

Wir brauchen einander. Denn unsere Welt ist im Wandel. Das sieht man, wenn der Fluss neben der Radstrecke leer ist, spürt man, wenn die Hitze einen stundenlang zum Pausieren zwingt. Wir haben uns nicht dafür entschieden so zu leben, aber machen trotzdem so weiter, wie es ist: Viel zu schnell, viel zu hektisch, und wir flüchten uns in Auswege, die uns eine kurze Erleichterung geben, aber keine langfristigen Lösungen für unsere Probleme sind. Ja, wir haben zu wenig Urlaubstage – aber ist in den Flieger steigen wirklich die Antwort darauf?

Unsere derzeitige Lebensweise ist nicht nachhaltig – weder für die Umwelt, noch für unser Klima und schon gar nicht für uns selbst. Wir fühlen uns zwar frei, aber geben uns unserer Sucht nach Bequemlichkeit hin und sind zugleich Teil einer völlig überhitzten, erschöpften Gesellschaft. Wollen wir da nicht alle einen Ausweg raus?

 

500km mit Fahrrad und Kind über die Alpen ist auf jeden Fall anstrengend, aber die Freiheit, die so ein Abenteuer mit sich bringt, macht dir mehr als nur die Reise leichter. Sie erleichtert dir besonders die Zeit danach, wenn du mit deinem hektischen Alltag klarkommen musst. Und vielleicht gibt sie dir sogar die Kraft, dich zu fragen, was wir ändern können, um nachhaltiger zu leben. 

Und darum werde ich wieder mein Bike nehmen und auf die Reise gehen – allein, mit meiner Tochter oder mit Freunden. Ich möchte dieses Hier und Jetzt erleben, mein Leben leben, erfahren, spüren. Und vielleicht sogar ein bisschen inspirieren. Nichts gegen den klassischen Urlaub, aber für ein gutes Leben empfehle ich jedem die angeblich schwerere Art des Reisens – für eine leichtere Art des Lebens.

 

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Titelbibld: © Annie Voigt
POW Germany

Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.