Ein Interview mit POW Athlete und Trailrunner Wendall Lorenzen

Wendall Lorenzen wohnt in Berlin, doch wer ihn wirklich kennenlernen will, trifft ihn eher auf einem schmalen Trail in den Alpen oder den Mittelgebirgen als auf dem Asphalt der Hauptstadt. Als Trailrunner und Mitglied der Athlete Alliance von POW Germany verbindet er zwei Dinge, die für ihn untrennbar zusammengehören: die Leidenschaft für den Sport in der Natur und den Einsatz für ihren Schutz.

Im Gespräch zeigt sich schnell, warum Wendall nicht nur für seine sportlichen Leistungen, sondern auch für seinen klaren, reflektierten Blick auf Klima- und Umweltfragen geschätzt wird. Für ihn ist sein sportliches Engagement immer auch ein politisches: „Als Sportler habe ich einen Platz in der ersten Reihe, wenn es um Klima- und Umweltfragen geht“, sagt er. Diese Haltung treibt ihn auch dann an, wenn es unbequem wird. „Wir dürfen keine Angst davor haben, die Einzigen in einem Raum zu sein, denen diese Themen am Herzen liegen, und wir können durch unser Handeln zeigen, dass uns das wichtig ist“, betont Wendall – eine Einstellung, die in jedem Wort des folgenden Interviews mitschwingt.

Wir haben mit ihm über seine Motivation, seinen Weg zum Trailrunning und sein Engagement bei POW Germany gesprochen.

Wendall, du läufst kilometerweit durch Täler und Berge – was fasziniert dich daran?

Ich genieße es wirklich sehr, in der Natur unterwegs zu sein, verschiedene Teile der Welt zu erkunden und durch den Sport neue Menschen kennenzulernen. Es ist zudem eine so reine Form der Bewegung – das Leben hat mir das Privileg geschenkt, an so besonderen Orten zu laufen, und das möchte ich niemals als selbstverständlich ansehen.

© Yann Valdez

© Yann Valdez

Was hat dich bewegt, Teil der POW Germany Athlete Alliance zu werden?

Als Sportler habe ich einen Platz in der ersten Reihe, wenn es um Klima- und Umweltfragen geht. Ich sehe die Umweltverschmutzung, ich sehe die Anzeichen des Klimawandels, und ich weiß, dass wir alle daran beteiligt sind. Ich weiß auch, dass ich das, was mir gegeben wurde, am besten nutzen kann, indem ich meinen Sport und meine Wettkampfmöglichkeiten als Plattform nutze, um anderen zu helfen, zu erkennen, was mit der Natur um uns herum geschieht. So viele Menschen betrachten die Natur als eine Ressource, die wir nach Belieben nutzen können, aber wenn wir sie nicht respektieren, wird sie für zukünftige Generationen nicht mehr da sein. Sie ist buchstäblich unser Zuhause, und ich hoffe, dass die nächste Generation von Sportlern sie genauso genießen kann wie ich – oder sogar noch mehr. Durch meine Plattform als Sportler möchte ich den aktuellen Zustand unserer Welt aufzeigen und das Bewusstsein dafür schärfen.

POW Germany vertritt das Prinzip „Imperfect Advocacy“, die Idee, dass man selber nicht perfekt sein muss, um sich wirksam für Klimaschutz einzusetzen. Wie gehst du persönlich mit diesem Widerspruch um?

Ich finde es schön zu wissen, dass wir nicht von einem Tag auf den anderen von 0 auf 100 kommen müssen. Ich weiß, dass mein Sport und meine Existenz im Allgemeinen Auswirkungen auf die Welt haben – sowohl in dem Sinne, dass ich Dinge verändern kann, als auch in dem Sinne, dass ich einen Fußabdruck hinterlasse. Ich muss natürlich trotzdem essen, zu Wettkämpfen fahren und Freunde und Familie besuchen.  Aber ich kann meinen Alltag so gestalten, dass er so umweltfreundlich wie möglich ist, und ich versuche, die Ressourcen, die ich letztendlich doch verbrauche, bestmöglich zu nutzen. Wenn wir zum Beispiel alle auf jegliche Verkehrsmittel verzichten würden, könnten wir nicht einmal mehr die Natur genießen, die wir zu schützen versuchen. Aber wenn wir Fahrgemeinschaften bilden, öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder zu Fuß gehen, können wir das Beste aus dem machen, was uns zur Verfügung steht. Und genau wie im Sport kann man nach den kleinen Veränderungen suchen, die große und bedeutende Verbesserungen bewirken können.

Wir müssen keine „Klimamönche“ werden, die niemals mit Freunden Roadtrips machen, nie mit dem Flugzeug die Familie besuchen oder keine neuen Schuhe kaufen, obwohl die alten kaputt sind – wir können trotzdem Spaß haben und unser Leben genießen – aber wir müssen wissen, woher all das kommt und zu welchem Preis. Wenn wir das im Hinterkopf behalten, fällt es leichter, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

Portrait Wendall
© Annette Wilson
Was hast du persönlich geändert, um deinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren bzw. deinen ökologischen Handabdruck* zu vergrößern?

Laufen scheint ein sehr sauberer und einfacher Sport zu sein, für den man kaum Ausrüstung braucht, aber Schuhe, Gels, Trinkflaschen, Brillen, Shorts und alles andere, was dazu gehört, können sich wirklich summieren. Ich versuche, den Kauf brandneuer Ausrüstung und Kleidung zu vermeiden, und wenn ich doch etwas Neues kaufe, achte ich darauf, dass es lange hält (selbst meine normale Alltagskleidung besteht größtenteils aus Second-Hand-Sachen oder Sachen, die ich schon seit über 10 Jahren habe). Die beste Ausrüstung ist die, auf die man sich verlassen kann und die man noch viele Jahre lang nutzen kann. Manche Dinge müssen zwar ersetzt werden – ich verbrauche zum Beispiel viele Laufschuhe – aber ich hebe sie auf und spende sie dann an Stellen, die sie recyceln, damit sie nicht auf einer Mülldeponie, im Meer oder auf einem Verbrennungshaufen landen.

*Dieses Konzept erfasst nicht, wie viel Treibhausgase jemand noch verursacht, sondern wie viele er schon vermieden hat, entweder durch Verhalten, politisches Engagement oder auch durch berufliches Handeln in Entscheidungspositionen.

Wie engagierst du dich für mehr Klimaschutz neben deiner Unterstützung von POW Germany? Hast du konkrete Tipps für den Alltag?

Ich weiß, es ist ein Klischee, und es ist nicht immer einfach, aber ich versuche, selbst die Veränderung zu sein, die ich in der Welt sehen möchte – wenn ich laufen gehe und Müll auf dem Weg sehe, hebe ich ihn auf und nehme ihn mit. Es macht immer Spaß und ist inspirierend, über all die großen Veränderungen und Schritte zu sprechen, die man unternehmen kann, um die Welt zu verändern, aber genauso wie die beste Ausrüstung die ist, die man auch benutzt, sind die besten Veränderungen diejenigen, die man tatsächlich umsetzt – so klein sie auch sein mögen. Und wenn ich etwas aufhebe, inspiriert das vielleicht jemanden anderen, es mir gleichzutun … oder auch nicht, aber zumindest landet dieser Müll nicht dort, wo er nicht hingehört. Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehrt, wird die ganze Welt sauber sein – Goethe

Was würdest du anderen aus der Outdoor-Community mit auf den Weg geben, wenn sie direkt loslegen und sich mehr für Klimaschutz einsetzen möchten?

Ich würde sagen, dass wir lautstark zum Ausdruck bringen müssen, was wir tun und welche Meinungen wir vertreten – insbesondere in Kreisen, die andere Werte und Ansichten haben. Wenn wir nur in Gruppen von Gleichgesinnten bleiben, werden wir uns nicht wesentlich weiterentwickeln können, und diejenigen außerhalb unseres Kreises werden wahrscheinlich keine positive Meinung zu unseren Ansichten haben, weil sie diese nie von uns selbst gehört haben – sondern nur aus den Medien. Wir dürfen keine Angst davor haben, die Einzigen in einem Raum zu sein, denen diese Themen am Herzen liegen, und wir können durch unser Handeln zeigen, dass uns das wichtig ist. Sport ist politisch, Bewegung ist politisch. Die Menschen werden sehen, was wir tun, und es wird ihnen auffallen. Mach dir keine Sorgen darüber, perfekt sein zu müssen oder nicht zu wissen, was du tun sollst; probier es einfach aus! Hab auch keine Angst, Kontakt aufzunehmen – meine DMs sind offen, und ich glaube, ich kann für die anderen von POW sprechen, wenn ich sage, dass wir immer bereit sind, über diese Themen zu sprechen!

Wenn du an die Zukunft der Umwelt und Natur denkst – besonders an die der Berge und Felsen, die du so liebst – was gibt dir Hoffnung?

Ich sehe, wie widerstandsfähig die Natur ist – sie kann wirklich einiges einstecken und gedeiht trotz der schlimmsten Dinge, die die Menschheit ihr angetan hat. Ich glaube, dass unsere heutige Generation und die zukünftigen Generationen voller großartiger Menschen sind, die gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort machen und sie in einem besseren Zustand hinterlassen wollen, als wir sie vorgefunden haben.

Möchtest du auch Teil der Bewegung werden? Folge POW Germany und entdecke, wie du mit einfachen Schritten mehr Klimaschutz im Alltag umsetzen kannst.

Titelbild: © Yann Valdez

POW Germany

Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.