Sechs Tage „oben“ – Der Inntaler Höhenweg mit den Öffis
Die wichtigsten Infos auf einen Blick
Region: Tuxer Alpen, Tirol (Österreich)
Start: Patscherkofel, Innsbruck-Igls (andersrum geht auch, aber diese Richtung wird empfohlen)
Hütten: Patscherkofel Schutzhaus (1.970 m), Glungezer-Hütte (2.610 m), Lizumer Hütte (2.019 m), Weidener Hütte (1.799 m), Rastkogelhütte (2.124 m), Kellerjoch-Hütte (2.237 m)
Anreise: Zug nach Innsbruck + Bus zum Patscherkofel (nutze die ÖBB-App) + ggf. Patscherkofelbahn
Länge: 74,6 km, 6 Etappen
Höhenmeter: 4.758 hm aufwärts – 5.228 hm abwärts
Schwierigkeit: T1–T4
Beste Zeit: Juli – August
Anreise: So geht’s ohne Auto
Das Beste an dieser Tour: Sie ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal zu erreichen. Kein Auto nötig, heißt auch: Kein zusätzlicher Individualverkehr für die Leute vor Ort, die wegen fehlender politischer Initiativen gegen Lärm, Abgase und kilometerlange Lkw-Kolonnen auf die Straße gehen.
Am Vortag reisen wir mit dem Zug von Köln nach München (keine 4,5 Stunden mit dem ICE statt einer ca. sechsstündigen Autofahrt), um dort Freunde zu besuchen. Hätten die keine Zeit gehabt, wären wir mit dem Nachtzug der ÖBB direkt nach Innsbruck angereist: Mit dem NJ 421 steigt man um ca. 22 Uhr in Köln ein und kommt gegen 9 Uhr morgens gemütlich an.
So aber steigen wir um ca. halb 8 morgens in München in den Zug nach Innsbruck (1 h 45 Minuten Fahrzeit). Dort angekommen frühstücken wir gemütlich in einem Café und fahren dann mit dem Bus zum “Kofel” (Patscherkofel), dem Hausberg von Innsbruck. Dort nehmen wir die Gondel, um direkt weiter oben starten zu können (Preis für die Gondelfahrt aktuell 22,30 €/Erwachsener). Wer sich die Kosten sparen möchte, kann auch hoch wandern oder laufen – das sollte mit der ersten Etappe bis zur Glungezer Hütte gut möglich sein. Andererseits wird die zweite Etappe am darauffolgenden Tag umso anstrengender, weshalb die Gondelfahrt aus unserer Sicht absolut Sinn macht.
Der Weg
Es ist noch früh, als wir aus der Gondel der Patscherkofelbahn steigen. Unter uns liegt Innsbruck, die Autos auf der Autobahn sehen aus wie Spielzeug. Vor uns: die Tuxer Alpen – auch wenn wir sie noch nicht sehen. Ein Weg, Bäume und Wind.
© Dennis Weber
Von der Bergstation führt der berühmte Zirbenweg durch einen der ältesten und größten Zirbenbestände Europas. Wir fangen an zu laufen, locker flockig über Stock und Stein, passieren eine Hütte mit Gastronomiebetrieb.
Wir quatschen, machen Pause und kommen zur ersten richtigen Steigung. Wir genießen die erste, recht kurze Etappe – bis wir die Glungezer Hütte auf 2.610 m im völligen Nebel erreichen. Tibetische Gebetsflaggen begrüßen uns.
© Elisabeth Mansel
Am nächsten Morgen schauen wir aus dem winzigen Fenster des Schlafsaalzimmers und sehen beglückt, dass das Wetter – wie angesagt – wunderbar ist. Ein traumhafter Sonnenaufgang. Wir haben also Glück: Wir können uns an die 7 Summits der Tuxer Alpen wagen!
Mein Traum war es schon seit einigen Jahren, mal eine Hüttentour zu unternehmen. Besonders reizt mich daran, dass man mehrere Tage außerhalb der Zivilisation unterwegs ist. Ein Kontrast zum wuseligen Stadtleben, dem Verkehr, dem Alles-zu-jeder-Zeit-zur-Verfügung-haben.
Der Weg über die Seven Tuxer Summits, das absolute Herzstück des Inntaler Höhenwegs, verbindet die Glungezer Hütte mit der Lizumer Hütte: Sieben Gipfel und alpines Felsgelände, das sich anfühlt wie eine andere Welt! Dabei sind wir nur wenige Kilometer von Innsbruck entfernt.
© Elisabeth Mansel
Der Reihe nach sind das: Glungezer Spitze (2.677 m), Gamslahnerspitze (2.681 m), Kreuzjöchl (2.575 m), Kreuzspitze (2.746 m), Rosenjoch (2.796 m), Grünbergspitze (2.790 m), Grafmartspitze (2.720 m) und Nördliche Schoberspitze (2.440 m). Diese Etappe des Höhenwegs ist sicherlich der anspruchsvollste: Neben guter Kondition sollte man schwindelfrei und trittsicher sein und sich in Blockgelände zurechtfinden können – der Weg ist markiert, doch die Markierungen sind teils nur schwer zu erkennen. Außerdem ist er über den Grat nur bei gutem Wetter zu empfehlen; bei Nässe sollte die Alternativroute gewählt werden.
© Dennis Weber
Zwischendurch flitzen Trailrunner an uns vorbei – der Weg scheint also auch für sie ein lohnendes Terrain zu sein.
Das Prinzip der Eigenverantwortung
Eigenverantwortung am Berg bedeutet: selbst einschätzen, ob das Wetter passt, ob die eigene Kondition für die geplante Etappe reicht – und im Zweifel umkehren. Gerade auf einem Weg wie dem Inntaler Höhenweg ist das Grundvoraussetzung. Eigenverantwortung ist die Kompetenz, wach und ehrlich mit sich selbst zu sein. Denn wer gut vorbereitet startet, die eigenen Grenzen kennt und im Notfall auch mal Nein sagt, kommt nicht nur sicher ans Ziel – sondern hat auf dem Weg dorthin meistens auch die bessere Zeit.
Ein Blick in die Zukunft
Irgendwo auf dem Grat zwischen zwei Gipfeln halten wir kurz an. Das Panorama reicht vom Karwendel bis zu den Zillertaler Alpen. In der Ferne schimmern Gletscher. Diese werden nicht mehr lange da sein. Die Schneegrenze steigt jedes Jahr, was weitreichende Folgen haben wird.
Das ist kein abstraktes Problem. Das ist hier. Jetzt. POW bedeutet auch: Rausgehen und begreifen, was wir schützen müssen – und danach handeln.
© Dennis Weber
Leichtes Gepäck
An diesem Tag merken wir einmal mehr, wie gut es ist, sich vorher über das Gepäck Gedanken zu machen. Bei dem ganzen Auf und Ab spürt man jede 100 g. Das Schöne an einer Hüttentour ist, dass man dank der Hütten keinen großen Essensvorrat, kein Zelt und keinen dicken Schlafsack braucht – sondern wirklich nur das Nötigste. Packlisten gibt es viele im Internet, doch am Ende muss jede Person selbst entscheiden, was wirklich wichtig ist und worauf sie zugunsten eines leichteren Rucksacks verzichten kann.
Unsere Packliste sah wie folgt aus:
- Rucksack
- Regenschutz für Rucksack
- Hüttenschlafsack
- Wanderhemd
- Isolationsjacke
- Wechselshirt
- Longsleeve + lange Merinohose (nur für Menschen nötig, die gerne mal frieren – an dieser Stelle liebe Grüße von Elisabeth)
- Schlaf-Baumwoll-Shirt (auf jeden Fall optional, aber von Elisabeth trotz Zusatzgewicht unterwegs geliebt)
- Unterwäsche
- Sonnencreme 50+
- Cap
- Sonnenbrille
- Regenponcho
- Taschentücher
- Buff
- Mütze
- Warme Socken
- Erste-Hilfe-Set
- Notfall-Biwaksack
- Stirnlampen
- Trekkingstöcke
- Müllbeutel
- Handy
- Ladekabel und Netzteil
- Haargummis
- Lippenpflege mit Sonnenschutz
- Seife
- Zahnbürste
- Zahnpasta
- Deo
- Bürste
- Blasenpflaster
- Mikrofaserhandtuch
- Oropax (essentiell für’s Bettenlager!)
- Bargeld
- Karten
- Notizbuch und Stift
- Taschenmesser
- Plastikbeutel/Dry Sacks für gebrauchte und saubere Wäsche
- für Brillenträger: Brille, ggf. Kontaktlinsen und Kontaktlinsenflüssigkeit
- Proviant (Riegel, Nüsse, Wasserflasche)
Ohne Proviant kamen wir auf ca. 5,5 kg pro Person, mit Proviant waren es dann je nach Wasser-Tagesration um die 10 kg. Für uns ideal.
Die Hütten: Jede ein Erlebnis für sich
Auch die nächsten zwei Etappen sind wunderschön und führen durch abwechslungsreiches Gelände. Fantastische Aussichten – wenn nicht gerade der Nebel drin hängt – und anstrengendes Auf und Ab. Wer will, kann durch ein paar extra Meter auch noch zusätzliche Gipfel erklimmen.
Was eine mehrtägige Tour wie diese ausmacht, sind neben der Zeit an der frischen Luft auch die Abende. Jede Hütte auf dem Inntaler Höhenweg hat ihren ganz eigenen Charakter und Charme – mehr wollen wir dazu gar nicht verraten: Das soll jede und jeder selbst entdecken.
Was wir sagen können: Die Hütten sind der perfekte Ort, um neue Menschen kennenzulernen. Wer tagsüber an einer besonders schönen Aussicht innehält, um durchzuatmen und das Panorama aufzusaugen, trifft dort dieselben Leute wieder – und spätestens abends beim Abendessen wird aus einem kurzen Nicken ein echtes Gespräch. Es ist diese besondere Mischung aus gemeinsamer Anstrengung, echter Abgeschiedenheit und dem Bewusstsein, gerade etwas Besonderes zu erleben, die Menschen verbindet.
Das vorzeitige Aus
Dank des Wirtes, der extra für seine Gäste die Frühstückszeiten vorverlegt und uns zu einem zügigen Tempo geraten hatte, erreichen wir die Rastkogelhütte durch nebliges Gelände gerade noch vor dem Unwetter trocken – und gönnen uns Kaffee und etwas Süßes. Es ist erst früher Mittag.
© Dennis Weber
Im Laufe des Tages wird Dennis immer schlapper, trotz der wohlig warmen Stube. Am Abend steht fest: ein handfester Infekt mit Fieber. Zum Glück haben wir ein Zwei-Bett-Zimmer und können dort die unruhige Nacht verbringen. Am nächsten Tag laufen wir die ca. 45 Minuten zum nächsten Bus, der uns wieder sicher ins Tal bringt.
Ich habe es ungern zugeben, aber irgendwann war klar: Es geht nicht mehr weiter. Der Körper hat einfach ‚Nö‘ gesagt. Ehrlich gesagt war das Schwierigste nicht der Infekt selbst, sondern die Entscheidung, aufzuhören – so nah am Ziel. Aber rückblickend war es genau richtig. Manchmal ist Abbrechen die klügste Entscheidung, die man am Berg treffen kann.
Zum Schluss unsere heißesten Tipps
- Übernachtungen auf den Hütten unbedingt vorab reservieren (checkt auch die „Freie Nacht fürs Klima“-Aktion vom DAV für ein oder zwei kostenlose Nächte bei Anreise mit den Öffis)
- Am Tag der Seven Tuxer Summits früh starten, damit man nicht in die Dunkelheit kommt
- Leichtes Gepäck
- Und: Abbrechen ist auch ok
© Dennis Weber
Titelbild: © Dennis Weber
Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.