Gletscherfaszination und Klimawandel
2025 hatte die UN das Jahr der Gletscher ausgerufen und auch POW beteiligte sich an der Kampagne. Denn Gletscher sind lebenswichtige Ökosysteme, Wasserspeicher – und durch den Klimawandel massiv unter Druck. In den europäischen Alpen könnten sie bis 2100 fast vollständig verschwinden.
Für unsere Gastautorin Anna Schoon war ein Hochtourenkurs am Großvenediger die erste Begegnung mit einem Gletscher aus nächster Nähe. Von Ihren Eindrücken zwischen Gipfel, Gletscherspalten und Klimawandel berichtet sie in diesem Beitrag.
Gipfel-Gruppenfoto auf 3657 Metern um 8 Uhr morgens. Der Sternenhimmel beim Aufbruch um 3 Uhr. Der erste Blick in das strahlend klare Blau einer Gletscherspalte am Vorbereitungstag. Oder zur Spaltenbergungsübung in eine solche Spalte abgelassen zu werden, während sich nur Zentimeter vor meinem Gesicht Schmelzwasser seinen Weg durch das jahrtausendealte Eis sucht.
Das eigentliche Highlight des viertägigen Hochtourenkurses am Großvenediger? Schwierige Entscheidung. Zum Glück muss ich sie gar nicht treffen. Gruppe, Bergführer, Hütte, drei Tage kein Handyempfang und die Tour selbst waren einfach großartig.
Doch den Kurs darauf zu reduzieren, greift etwas zu kurz.
Denn dass Gletscher besonders stark vom Klimawandel betroffen sind und mit ihnen ganze Ökosysteme unter Druck geraten, wissen wir. Nicht zuletzt (und nicht zuerst) hat mir das die POW-Doku Downstream bei einer Veranstaltung in Berlin letztes Jahr noch einmal deutlich gezeigt.
Ich hatte deswegen neben Helm, Steigeisen und Bandschlingen auch den Gedanken an die Spannungen zwischen Bergsport, Natur und Klimawandel im Gepäck.
Während des Kurses habe ich daher versucht ein bisschen mit zu beobachten: Finden bei Hüttenleben, Knotenkunde und Gipfelglück auch Klimawandel und Gletscherrückgang ihren Platz?
Die erste Begegnung
Das viel bemühte Zitat der „weltalten Majestät“ (1) von Ignaz von Kürsinger, einem Teilnehmer der Erstbesteigung von 1841, kann man auch nach fast 200 Jahren so stehen lassen. Und den Grundsatz unseres Bergführers „Wir passen uns dem Berg an; nicht umgekehrt“ kann ich bei dieser beeindruckenden Gestalt ohne Probleme annehmen.
Doch auch der Wandel der Landschaft ist von Beginn an Thema.
Eine Landschaft im Wandel – die lange Frist…
Das ist soweit „normal“. Doch wie schnell sich Gletscher verändern, also: vor allem zurückziehen, ist es nicht – was die Wissenschaft seit Jahrzehnten belegt.
Früh beim Aufstieg zur Hütte zeigt auch der Gletscherlehrpfad Hohe Tauern, wie sehr der Gletscher am Großvenediger bereits geschrumpft ist. Eine Plakette markiert, wo das damals noch zusammenhängende Obersulzbachkees im Jahr 1927 endete. Heute liegt diese Stelle rund 500 Höhenmeter unterhalb der Kürsinger Hütte.
… und die nicht ganz so lange Frist
Schmerzlich-schöne Natur – und Steigeisen
Was ich mitnehme
Den Gletscher aus nächster Nähe zu erleben war eine intensive Erfahrung – voller Ambivalenzen zwischen sportlicher Herausforderung, Gletscherfaszination und unbequemen Fragen über das eigene Handeln.
Und diese Fragen habe ich auch für meine nächsten Outdoor-Erlebnisse weiter im Gepäck. Zusammen mit der Neugier auf mögliche Antworten, die sich entlang des Wegs ergeben.
Quellen:
(1) Kürsinger, I. von, & Spitaler, F. (1843). Der Groß-Venediger in der norischen Central-Alpenkette, seine erste Ersteigung am 3. September 1841, und sein Gletscher in seiner gegenwärtigen und ehemaligen Ausdehnung. Wagner. Original-Digitalisat bei der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol.
Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.