Gletscherfaszination und Klimawandel

2025 hatte die UN das Jahr der Gletscher ausgerufen und auch POW beteiligte sich an der Kampagne. Denn Gletscher sind lebenswichtige Ökosysteme, Wasserspeicher – und durch den Klimawandel massiv unter Druck. In den europäischen Alpen könnten sie bis 2100 fast vollständig verschwinden.
Für unsere Gastautorin Anna Schoon war ein Hochtourenkurs am Großvenediger die erste Begegnung mit einem Gletscher aus nächster Nähe. Von Ihren Eindrücken zwischen Gipfel, Gletscherspalten und Klimawandel berichtet sie in diesem Beitrag.

 

Gipfel-Gruppenfoto auf 3657 Metern um 8 Uhr morgens. Der Sternenhimmel beim Aufbruch um 3 Uhr. Der erste Blick in das strahlend klare Blau einer Gletscherspalte am Vorbereitungstag. Oder zur Spaltenbergungsübung in eine solche Spalte abgelassen zu werden, während sich nur Zentimeter vor meinem Gesicht Schmelzwasser seinen Weg durch das jahrtausendealte Eis sucht.

Elisabeth wandert zwischen Bäumen auf Steinen
© Anna Schoon

Das eigentliche Highlight des viertägigen Hochtourenkurses am Großvenediger? Schwierige Entscheidung. Zum Glück muss ich sie gar nicht treffen. Gruppe, Bergführer, Hütte, drei Tage kein Handyempfang und die Tour selbst waren einfach großartig.

Doch den Kurs darauf zu reduzieren, greift etwas zu kurz.

Denn dass Gletscher besonders stark vom Klimawandel betroffen sind und mit ihnen ganze Ökosysteme unter Druck geraten, wissen wir. Nicht zuletzt (und nicht zuerst) hat mir das die POW-Doku Downstream bei einer Veranstaltung in Berlin letztes Jahr noch einmal deutlich gezeigt.

Ich hatte deswegen neben Helm, Steigeisen und Bandschlingen auch den Gedanken an die Spannungen zwischen Bergsport, Natur und Klimawandel im Gepäck.

Während des Kurses habe ich daher versucht ein bisschen mit zu beobachten: Finden bei Hüttenleben, Knotenkunde und Gipfelglück auch Klimawandel und Gletscherrückgang ihren Platz?

 

Die erste Begegnung

Der erste Eindruck vom Großvenediger bei Ankunft an der Kürsinger Hütte (2.558m): Was für eine spektakuläre Landschaft! Der Gipfel, den wir besteigen würden, ragt imposant und gleichzeitig irgendwie entspannt in den sonnigen Alpenhimmel. An seinen Hängen: das Obersulzbachkees auf seinem trägen Weg ins Tal, vom Gletscher geformte Felswände, scheinbar nicht enden wollende Schmelzwasserfälle, und das gedeckte Türkis des Obersulzbach-Sees 300 Meter unterhalb der Hütte.

Das viel bemühte Zitat der „weltalten Majestät“ (1) von Ignaz von Kürsinger, einem Teilnehmer der Erstbesteigung von 1841, kann man auch nach fast 200 Jahren so stehen lassen. Und den Grundsatz unseres Bergführers „Wir passen uns dem Berg an; nicht umgekehrt“ kann ich bei dieser beeindruckenden Gestalt ohne Probleme annehmen.

Doch auch der Wandel der Landschaft ist von Beginn an Thema.

 

Eine Landschaft im Wandel – die lange Frist…

Das liegt zum einen in der Natur der Sache. Gletscher fließen; sie apern. Von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag ändern sich Schnee- und Eisbedingungen. Sie verändern über Jahrhunderte und -tausende hinweg ihre Form und formen ihrerseits die Landschaft um sie herum.

Das ist soweit „normal“. Doch wie schnell sich Gletscher verändern, also: vor allem zurückziehen, ist es nicht – was die Wissenschaft seit Jahrzehnten belegt.

Früh beim Aufstieg zur Hütte zeigt auch der Gletscherlehrpfad Hohe Tauern, wie sehr der Gletscher am Großvenediger bereits geschrumpft ist. Eine Plakette markiert, wo das damals noch zusammenhängende Obersulzbachkees im Jahr 1927 endete. Heute liegt diese Stelle rund 500 Höhenmeter unterhalb der Kürsinger Hütte.

Blick bergan auf Gletschertal samt Lehrpfad
© Anna Schoon
Und ein makaberer Gedanke schleicht sich ein: Für Anfänger*innen wie uns ist der Großvenediger auch deshalb gut geeignet, weil er bequem zu erreichen und der Aufstieg über den Gletscher nicht mehr allzu lang ist. Wir profitieren also von genau dem, worüber wir uns eigentlich sorgen.

 

… und die nicht ganz so lange Frist

Von den letzten 15 Jahren des Gletschers kann unser Bergführer aus erster Hand berichten. Einige seiner „Lieblingsspalten“ für Rettungsübungen kann er seit einer Weile nicht mehr benutzen. Das Gelände ist inzwischen eisfrei oder drumherum zu felsig für sicheres Üben. Außerdem mahnt er zur Vorsicht bei der eigenen Routenplanung. Die Bedingungen werden unbeständiger und sind schwieriger einzuschätzen. Klimawandelfolgen also als ein Parameter für die eigene Sicherheit am Berg – nicht nur abstrakte Zahlen, wissenschaftliche Komplexitäten und weit entfernte Zukunft.
Fels auf schmelzendem Gletschereissockel
© Anna Schoon
Bezeichnend ist auch das Wetter an diesem Juniwochenende. Zu Hause leiden unsere Lieben bei 38 Grad unter einer der extremen Hitzewellen des Sommers. Bei rund 25 Grad versuchen wir mit Helm, Unmengen Sonnencreme und Extra-Schichten ohne Sonnenbrand und -stich davonzukommen. Ohne Frage entspannter als in der Stadt – aber vielleicht auch nicht unbedingt, wie man sich eine Hochtour mit Eis und Schnee vorstellt.

 

Schmerzlich-schöne Natur – und Steigeisen

Denn sogar der Berg scheint zu schwitzen: Mächtige Schmelzwasserfälle rauschen von den Hängen der Bergkette. Eine lohnende Aussicht von der Hütte – vor allem im Abendlicht. Aber irgendwie möchte ich das Wasser auffangen und zurück auf den Berg schicken, wo es so dringend als Eis gebraucht wird.
Schmelzwasserfälle bei Abendlicht
© Anna Schoon
Ein weiterer schmerzlich-schöner Moment: Am Abend nach der Tour – und vor dem Abstieg am Morgen – sitzen wir abseits des Hüttentrubels auf dem Plateau oberhalb des Gletschersees. Die Sonne verabschiedet sich langsam ins Tal. Dazu die Aussicht zurück auf die steilste Stelle der Tour an der Großvenedigerscharte und den bestiegenen Gipfel. Ein wunderbarer Moment zum Durchatmen und Ankommen. Gleichzeitig weiß ich: Der See ist erst um das Jahr 2000 herum entstanden. Ignaz von Kürsinger begegnete 1841 hier noch einer „türkischen Zeltstadt“ (1) aus Eistürmen.
Gletschersee mit umliegenden Bergen
© Anna Schoon
Zu diesen Eindrücken der Verletzlichkeit des Gletschers passt eigentlich gar nicht, dass man am Berg selbst ziemlich rabiat mit dem Eis umgeht. Einerseits kann ich nicht aufhören zu staunen, als ich in der Gletscherspalte baumele und darauf warte, „gerettet“ zu werden. Andererseits ramme ich auf dem Weg nach oben beherzt meine Steigeisen in das Eis, von dem ich eben noch so hingerissen war. Eine technische Notwendigkeit, klar; der Großvenediger steckt das geduldig weg. Aber trotzdem ein Widerspruch, der mich nachdenklich macht.
Selfie von Frau in Gletscherspalte mit Sonne im Hintergrund
© Anna Schoon
Blaues Gletschereis
© Anna Schoon

Was ich mitnehme

Die 1927-Plakette beim Aufstieg, Berichte unseres Bergführers, ein See, der vor 25 Jahren noch Eis war. Ja, der Klimawandel und seine Folgen für Gletscher sind präsent in den Tagen am Großvenediger. Nicht zuletzt, weil sie inzwischen aus Gründen der persönlichen Sicherheit am Berg Teil jeder Tour sein sollte. In der Alpin erschien dazu übrigens gerade ein Artikel.

Den Gletscher aus nächster Nähe zu erleben war eine intensive Erfahrung – voller Ambivalenzen zwischen sportlicher Herausforderung, Gletscherfaszination und unbequemen Fragen über das eigene Handeln.

Und diese Fragen habe ich auch für meine nächsten Outdoor-Erlebnisse weiter im Gepäck. Zusammen mit der Neugier auf mögliche Antworten, die sich entlang des Wegs ergeben.

Blick vom Berg aus über den Gletscher Richtung Tal. Auf dem Gletscher ist eine Seilschaft zu sehen.
© Anna Schoon
Titelbild: © Anna Schoon

Quellen:

(1) Kürsinger, I. von, & Spitaler, F. (1843). Der Groß-Venediger in der norischen Central-Alpenkette, seine erste Ersteigung am 3. September 1841, und sein Gletscher in seiner gegenwärtigen und ehemaligen Ausdehnung. Wagner. Original-Digitalisat bei der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol.

POW Germany

Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.