Gipfel, die drinnen stattfinden

Ana Zirner, aus dem Vorstand von POW Germany, hat beim diesjährigen SZ Nachhaltigkeitsgipfel in München (25.-26. Juni), sowie beim Alpenklimagipfel auf der Zugspitze (27.-28. Juni) teilgenommen und berichtet für euch, was sie dort erlebt und erfahren hat.

Bei Betreten des Munich Urban Colab, dem Veranstaltungsort des SZ Nachhaltigkeitsgipfels in München, wird man im Eingangsbereich von einem sehr großen E-BMW begrüßt. Die Sponsoren dieser Veranstaltung sind, wie ich bald feststelle, nicht nur mit großen Werbeflächen im Foyer präsent. Sie besetzen auch viele der Positionen in den Panels der nächsten beiden Tage. Ich beginne den Gipfel also mit einem mulmigen Gefühl und der Frage: Wie steht es um die Unabhängigkeit unserer Medienberichterstattung, wenn der Nachhaltigkeitsgipfel einer der größten deutschen Tageszeitungen nur mit BMW, Aldi, L’Oréal, Henkel und diversen Versicherungen und Banken realisiert werden kann? 

Drinnen macht Wirtschaftsminister Robert Habeck einen sympathischen, entspannten, aber auch überraschenden Auftakt. Denn er betont, wie beeindruckt er von Chinas Bemühungen in Sachen Klimaschutz sei. „Die tun echt viel“, sagt er, hinsichtlich des Ziels bis 2060 klimaneutral zu werden, wenngleich die chinesischen Emissionen bis mindestens 2030 weiter steigen werden. Auf kritische Rückfrage bezüglich der Glaubwürdigkeit der chinesischen Aussagen sagt Habeck, dass man von Deutschland aus als „wichtigstes Handelsland für China“ (in Europa) schon ehrlich miteinander sprechen könne, und dass er das auch immer getan habe. Beeindruckt war er vor Ort beispielsweise von den smart-metern, die dort sogar an ganz alten Häusern installiert seien. Ich frage mich, ob diese dort vielleicht gerade für den Besuch des Politikers hingehängt worden sind. Habeck ist überzeugt, dass es zu einer Transformation des Energiesektors insbesondere dann komme, wenn man die Gründe aufzeige, warum es auch finanziell günstiger ist, weniger CO2 zu emittieren. Das gilt sicher nicht nur für China, sondern auch für Industrie und Wirtschaft hierzulande – nicht zuletzt vermutlich auch für Privatleute, denke ich.

Zum Schluss macht Robert Habeck dann noch eine denkwürdige Aussage. Die Moderatorinnen wollen wissen, warum er kein Beispiel aus den laufenden Verhandlungen zum Haushalt preisgeben kann. Er erwidert darauf einfach: „Man muss dem Land dienen, und nicht dem Journalismus.“

Es folgen zahlreiche Panels mit ExpertInnen und VertreterInnen der großen Sponsoringpartner, die teils sogar die Bühne mit der Moderatorin allein bekommen. Der Leiter des Münchner BMW-Werks betont auffällig vehement, wie fantastisch die Umstellung des Werks auf die Produktion von E-Autos laufe und lässt dabei außer Acht, dass die Aussichten auf dem Markt für E-Mobilität in Deutschland derzeit nicht gut aussehen. Und die Sustainability-Managerin von L’Oréal werbetextet so unauthentisch über die Großartigkeit der geplanten Verpackungen aus Pilzen und über die Refill-Systeme für Parfum, dass man nicht nur an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zweifelt.

Aber zwei Eckpunkte, als eindeutige Forderungen an die Politik und als größte Hindernisse für die Transformation formuliert, werden im Verlauf der zwei Tage deutlich. Erstens, dass in Deutschland die Rahmenbedingungen fehlen, die Investitionsanreize hinsichtlich einer nachhaltigen Transformation bilden könnten. Die Unternehmen könnten keine tragfähigen „Business-Cases“ bauen, weil man in Deutschland nicht wisse, was in fünf bis zehn Jahren der politische Rahmen sei, so betonen es die CEOs diverser Firmen immer wieder auf der Bühne. Man wünscht sich Steuergutschriften und Abschreibungsmöglichkeiten, kurz, ein paar eindeutige Zeichen seitens der Politik, dass der Weg in die Transformation nun wirklich konsequent beschritten wird. Der zweite Punkt ist nicht nur für die CEOs, sondern auch nahezu für alle zu Wort kommenden AkteurInnen aus der Forschung, sowie von NGOs ein großes Thema: Die nach wie vor unnötig überkomplexe Bürokratie, die alle offiziellen Prozesse in Deutschland massiv verlangsamt. Sie bildet ein großes Hindernis auf dem Weg durch die Transformation zu einer klimafreundlichen und nachhaltigen Zukunft in Deutschland.

Eine Wohltat zwischen all den glattgebügelten Wirtschaftstalks sind die Auftritte von AktivistInnen wie Simon Lacher der Letzten Generation und Rosmarie Wydler-Wälti der KlimaSeniorinnen aus der Schweiz. Der Erfolg der Klimaklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beflügelt die Klimabewegung international und lässt Hoffnung schöpfen. Endlich geht es nicht mehr um politische Ideologiekämpfe, endlich wird die Ernsthaftigkeit der Krise auf der Bühne nicht nur anerkannt, sondern es wird auf motivierende Weise deutlich, wie essenziell die Zusammenarbeit über Ländergrenzen und Interessensgruppen hinweg ist. Hauptsache nicht aufgeben, gemeinsam um sachlichen Lösungen zu kämpfen. Da sind sich alle einig.

Insgesamt tut es gut zu sehen, wie die Wirtschaft vorausdenkt, investiert und damit Risiken eingeht, um die richtige Marschrichtung einzuschlagen. Und dabei auch wirkliche Lösungen bietet, wie z.B. Octopus Energy, die die BewohnerInnen in direkter Nähe zu Windkraftanlagen durch günstigere Strompreise unmittelbar von Windrädern profitieren lassen und damit auch andere Menschen vom Ausbau der Windkraft überzeugen. Es braucht eindeutig mehr Konzepte mit echter Partizipation, was auch wieder den Punkt von Robert Habeck aufgreift: Greifbare Anreize schaffen, um ein klimafreundliches Land attraktiv zu machen.

Zuletzt wird es nochmal angenehm kontrovers. Denn den Abschluss des Gipfels macht Historikerin Hedwig Richter mit einem Plädoyer für eine Revolution in der Demokratie, welche zunächst der Würde des Menschen und nicht der Sicherung des Wachstums zu dienen hat. Sie fasst es als“Normalismus der Zerstörung” zusammen, in dem nachhaltige Bewegungen, wie z. B. Veganismus, als kinky, en vogue oder als Zeichen des Beginns einer Ökodiktatur abgestempelt werden. “Normal” bleibt das, natürlich angenehmere, “weiter wie bisher” und damit die Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Was fehlt, ist ein ehrlicher Umgang der Politik, indem den BürgerInnen die Ernsthaftigkeit der Lage als erwachsene Menschen zugetraut wird. Stattdessen will die große Mehrheit der PoliterInnen immer noch lieber gute Nachrichten verkünden, da sonst um die Wiederwahl gebangt wird.

Nach zwei Tagen SZ Nachhaltigkeitsgipfel bleibt ein ungutes Gefühl bei mir übrig. Denn hier waren viele intelligente Menschen, die teils entscheidende Positionen innehaben, anwesend. Sie haben in Zeiten von immer neuen Hitzerekorden und Naturkatastrophen in einem schicken Konferenzraum veganes Catering genossen. Und wenngleich alle sich einig sind, dass wir ein großes Problem haben, so wird doch letztlich der Eindruck vermittelt, dass wir „schon alles im Griff” haben. Und das ist alarmierend.

 

Schon am nächsten Morgen geht es weiter, aber diesmal in den Bergen. Ich fahre auf knapp 3.000 Meter Höhe hinauf zur österreichischen Seite der Zugspitze. Hier verbringe ich die folgenden zwei Tage in einem weiteren Innenraum, um wieder über die Folgen dessen zu reden, was draußen passiert.

Der „Alpenklimagipfel“ wird von der „Lebensraum Tirol Gruppe“ veranstaltet. Dass die Tochtergesellschaften die Standortagentur Tirol, Agrarmarketing Tirol und Tirol Werbung sind, lässt schon den Ton des Gipfels erahnen. Schnell bekomme ich das Gefühl, eigentlich auf einer internen Veranstaltung zu sein. Man kennt sich in Tirol. Zumindest wenn man mit dem (Berg-)Tourismus zu tun hat, und das haben – auf diesem Gipfel – fast alle. Ein großer Vorteil der geringeren Teilnehmendenzahl ist, dass man schnell ins Gespräch kommt, wenngleich in den knappen Pausen zwischen den dicht getakteten Panels dafür kaum Zeit bleibt.

Auf der Bühne wird häufig betont, wie wichtig der Dialog, der Austausch, die Kommunikation seien und doch bleiben die Panels auf der Bühne geschlossen und es gibt keine Möglichkeiten Fragen zu stellen. Auch Lena Öller, unsere Vertreterin von POW Österreich, kommt daher auf der Bühne kaum zu Wort und ihre Einladung wirkt daher fast wie ein Alibi, und nicht wie ehrliches Interesse an den Lösungsansätzen von POW. Die Panels bleiben so homogen besetzt, dass keine Kontroversen aufkommen können, zumal auch die Moderation eher eine Aneinanderreihung von Statements abfragt. Es ist fast schon paradox, dass dabei eben das, was alle fordern, der Dialog, auf der Strecke bleibt.

Stattdessen erhärtet sich leider, auch aufgrund des großen Raums, der der Dokumentation durch die Presse eingeräumt wird, der Eindruck, dass die Veranstaltung vornehmlich marketingwirksam sein will. VertreterInnen der Politik sind nicht auf den Panels, was einerseits nachvollziehbar ist, weil man hier keine Plattform bieten will, andererseits aber schade bleibt, da es genau diesen Austausch gebraucht hätte, um vielleicht auch produktiv Ziele formulieren zu können. So bleibt es auch hier dabei, dass man sich trifft, um einander zu versichern, dass man schon viel tue. Oder um zu betonen, wie viel andere noch tun müssten. Oder auch man selbst, das schon. Aber eben ohne dabei je konkret zu werden.

Gruselig wird es dann bei der Abendveranstaltung im Ehrwalder Zugspitzsaal, als dann doch die Politik plötzlich die große Bühne bekommt und diese für eine Tiroler Lobhudelei nutzt, die sich gewaschen hat und die es mit Söders „Bayern-ist-das-Beste-Bundeland“-Litanei auf dem SZ-Gipfel aufnehmen kann. Zumal wenn man weiß, dass Tourismus-Landesrat Mario Gerber, der sich hier so in Szene setzt, sonst explizit gegen die „ständige Blockadehaltung“ durch Nachhaltigkeitsbestrebungen in Tirol wettert.

Absurd wirkt auch die Betonung des „unglaublich nachhaltigen Buffets“, das zu einem maßgeblichen Anteil aus Fleisch besteht. Wie wenig Ahnung da offenbar besteht, wird deutlich, als von der „großen Mühe“ gesprochen wird, die man darauf verwandt habe, ein nachhaltiges Papier zu finden, auf das man die Namensschilder für die KonferenzteilnehmerInnen dann gedruckt habe.

(Interessant finde ich aber ein Thema, das auch am zweiten Tag auf den Panels immer wieder auftaucht, und das den Alpentourismus insgesamt und damit auch die Zukunft des Wintersports betrifft. Durch den wachsenden Migrationsanteil in der Bevölkerung findet ein gesellschaftlicher Wandel auch dahingehend statt, dass es zukünftig wohl weniger Menschen geben wird, die ein Interesse an Urlaub in den Bergen haben.)

Auch nach dem zweiten Tag, an dem es wieder zu viele Panels mit zu vielen Menschen gibt, um wirklich inhaltlich in ein Thema einsteigen zu können, bleibt der Eindruck, dass zwar viele verstanden haben, dass es etwas zu ändern gilt, man aber die Verantwortung für die nächsten Schritte dennoch gern auf andere schiebt. Am besten auf diejenigen, die gerade nicht im Raum sind.

Titelbibld: © Peter Neusser

POW Germany

Protect Our Winters (POW) ist eine internationale Klimaschutzorganisation, die von der Outdoor- und Wintersport-Community ins Leben gerufen wurde. Sie engagiert sich für den Schutz der Natur vor den Auswirkungen des Klimawandels, indem sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln bewegt.